Der Berner Kulturkonsument in der Grossstadt: Herein, herein, ich atme Euch ein

Gestern war wieder einmal ein Ausflug nach Zürich angesagt, der Besuch von ‚Herein, herein, ich atme Euch ein‘ im Schiffsbau – ein Stück mit wahnsinnig viel Text, wenig Dialog und kaum Handlung, dafür mit einem riesigen Schiff. Regie führte ein Herr Pollesch, welcher laut meiner kundigen Begleiterin für diese Art Theater bekannt sei.
Ein sehr gelungenes Stück, zumindest wenn man nicht versuchen will, alles zu verstehen (was mir halt immer etwas schwerfällt). Offen bleibt für mich die Frage, ob man will, dass man einen alten Nazi um seiner selbst willen, um sein Inneres, schätzen können soll, oder ob die Taten alles sind, was an einem Menschen interessieren soll und kann.

Der Berner Kulturkonsument im Dauereinsatz

Das war wieder mal ein Wochenende:
– Freitags Transform 3, inkl. Konzert von Sans-Claire. Bei beidem standen mir die persönlichen Beziehungen näher als der tatsächliche Kultur-Akt. Aber interessant wars trotzdem – die Transform-Bar scheint schon ziemlich der Place-To-Go zu sein für Kulturproduzenten aller Art, als reiner Konsument kam ich mir fast schon komisch vor….
– Samstags zuerst ins Sonohr, Abends an die Jazzwerkstatt. Da überwältigte zuerst Mike Prides Drummer Corpse mit 6 Drums die Sinne (ich würde dieses Set eher als Performance denn als Konzert einstufen, musikalisch war jetzt beispielsweise Adis Schichten-Projekt aufregender), nach zwei Stunden Erholung führte dann das Jazzwerkstatt-Septett (mit Stucki, Reising, Vallon und Konsorten) zu meinem Höhepunkt der diesjährigen Werkstatt – die Dynamik, das Interplay dieser Gruppe war schlicht super.
– Sonntags dann nochmals die Jazzwerkstatt, diesmal zum Proton Ensemble, was aber doch eher eine Enttäuschung war. Nicht wegen dem Ensemble, aber die Komposition von Matthew Welch gab schlicht zu wenig her, um mich zu fesseln.
Insgesamt finde ich, die Jazzwerkstatt 2014 konnte das Niveau der Durchführungen 2012 und 2013 nicht halten. Zuviele Dinge haben nicht zusammengepasst, waren zu gesucht oder technisch zu wenig prägnant rübergebracht. Das Septett (und dem Vernehmen nach auch die Ploctones) war toll, aber die grossen Erlebnisse der letzten Jahre waren trotzdem von einem anderen Kaliber.

Der Berner Kulturkonsument: Jazzwerkstatt 2014, 1. Abend

Nachdem ich endlich mal wieder meiner Genossenpflicht nachgekommen bin und die Versammlung meiner SP-Sektion besuchte, ging ich als Absackerli noch in der Jazzwerkstatt vorbei.

Vom Flyer her war schon der erste Abend vielversprechend: Zuerst Lukas Thöni in einer Werkstatt-typischen Gross-Combo (da war ich allerdings noch sn der Versammlung, habe aber die Erwartungen voll erfüllt), danach ein Projekt von Andreas Tschopp u.a. mit Julian Sartorius (da habe ich die letzten drei Stücke mitbekommen. Für meine Stimmung wars grad ein bisschen zu ruhig und zu suchend. Aber das Zusammenspiel von Sartorius und dem Gitarristen Ronny Graupe war schlicht super) und zuletzt Andreas Schaerer mit dem Trio Klima Kalima.

Von diesem Set habe ich mir viel versprochen, wurde aber ziemlich enttäuscht. Das Trio traf eigentlich meinen Geschmack (sehr hart, sehr rockig, vielleicht grad etwas zu gradlinig, zumindest was die Drums angeht), aber die Kombination mit Schaerer hat überhaupt nicht funktioniert: Sein Gesang ging neben dem Gedröhne völlig unter, und Freiraum für sein Können und seinen Witz hatte er kaum. Und dann wurde er zu einer Figur, die am Bühnenrand rumspringt und von der man nur zwischendurch ein komisches Gekrächze hört.
Sehr schade. Das war vermutlich das erste Mal, dass mich Schaerer nicht begeistern konnte.

Item, 4 Abende folgen noch, mal schauen was ich da noch alles besuchen kann…

Der Berner Kulturkonsument: Der Gegenwart

Der Gegenwart„, das Filmporträt über Carlo E. Lischetti vermag einerseits sehr zu gefallen, weil es einem den Künstler Lischetti wieder in Erinnerung ruft und nahe bringt, und auch das Umfeld schön und witzig (wenn auch verklärt) porträtiert. Andererseits lässt mich die Nähe des Filmes zu den Kindern etwas ratlos zurück – der Film tut so, als hätten die Kinder dieselben Ziele wie die Filmemacher, und diese Prämisse lässt den ganzen Film etwas merkwürdig erscheinen. Kommt dazu, dass durch den Approach der Filmemacher Lischetti „nur“ in Erinnerung gerufen wird – wer Lischetti zuvor nicht gekannt hat, lernt ihn und seine Kunst kaum kennen. Beides sind Entscheidungen der Filmemacher, die man so treffen kann, die mir aber anders lieber gewesen wären.
Item, ich kannte Lischetti ja bereits (als Künstler, nicht als Person), und ich habe mich sehr gefreut, ihn nach all den Jahren wieder mal zu sehen, zuzuschauen wie er Kaviar explodieren lässt oder Schlüssel auswählt. Dafür danke ich diesem Film sehr.

Der Berner Kulturkonsument: Mary, Queen of Scots

Mal wieder ein Film im Standard-Programm: Die Geschichte der Maria Stuart, eine schweizerische Produktion nach der Biographie von Stefan Zweig. Der Film lässt mich etwas hilflos zurück, auch einen Tag später weiss ich nicht so recht, ob ich ihn jetzt gut fand oder nicht wirklich so.

Zuallererst: Der Film macht Lust auf Wissen. Ich kam aus dem Kellerkino raus und hätte fast meine Begleitung stehen gelassen, nur um möglichst rasch die Geschichte der Maria Stuart nachzulesen (und festzustellen: Der Film hält sich stark an die Geschichte, wie sie auch auf Wikipedia erzählt wird). Und das ist bei einem historischen Film ja schon mal ein gutes Ergebnis.
Auch die Inszenierung gefiel (von ein paar unmotivierten Naturaufnahmen abgesehen), und die Darstellerin der Mary überzeugte genauso wie die restliche Besetzung.

Und trotzdem, so richtig zu begeistern vermochte mich der Film nicht. Vermutlich konnte ich ihn nicht so recht als Spielfilm nehmen und fragte mich dauernd, ob dies oder jenes nun der Realität, die literarische Verarbeitung oder die filmische Inszenierung zuzuschreiben war. Item. Nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich begeisternd, das gibt eine 4.5

Der Berner Kulturkonsument – Beethovens Neunte

Als wärs mit dem Ballett nicht schon genug – jetzt trifft man uns sogar schon beim BSO-Neujahrskonzert an :).

Der ‚heitere musikalische Auftakt‘ war jetzt nicht ganz so mein Ding (weniger wegen der Musik, aber Chefdirigent Venzago und ich haben offensichtlich nicht denselben Humor), und die Neunte – naja, wie soll mans sagen: Man kennt sie halt. Ich finds immer noch ein grandioses Stück, mit wunderschönen und hinreissenden Momenten. Und das BSO hats auch ganz tadellos gespielt – aber eben: das grosse Erlebnis blieb aus, man hats jetzt einfach auch mal life gehört und nicht nur ab CD.  Das einzig ‚besondere‘ war mal zu sehen, wie es den Bass, Robin Adams, so richtig verhudelt hat, als er im 4. Satz angenehmere und freudenvollere Töne verlangt.

Ich geb dem ganzen Mal eine 4.5. Der Abend war sicher nicht schlecht, aber so wirklich in Erinnerung bleiben wird er mir eben doch nicht.

Der Berner Kulturkonsument – Zero

Tja, soweit geht’s schon – der Mullzk landet nun sogar schon im Ballett… Gut, Zero wurde dermassen auf allen Kanälen gehyped, sogar der Ron hat’s empfohlen, da konnte ich es schon mal wagen.

Fazit: Stark. So kann man mich durchaus für gelegentliche Ballett-Besuche gewinnen. Nicht dass es nicht auch seine Schwachpunkte hatte (im ersten und vor allem zweiten Teil waren die grossen Choreographien nicht sehr dynamisch und die Geschlechterrollen waren sehr klassisch verteilt), und gemäss Gisela war es jetzt auch nicht gerade die grosse Revolution des zeitgenössischen Tanzes (in meinem naiven Weltbild hätte ich eine Schwanensee-Vorstellung in Weissen Tutus als klassisches Ballett bezeichnet, aber das mache sowieso niemand mehr), aber eine neue Erfahrung, gute Unterhaltung und ein schöner Abend wars allemal.

Der Berner Kulturkonsument – More than Honey

Da gibt es nicht viel dazu zu sagen: More than Honey ist ein starkes Stück – bei den Dokumentarfilmen hat die Schweiz schon immer gut abgeschnitten. Gutes Thema, klarer Standpunkt des Autoren, spannend aufbereitet und erst noch technisch solide Filmarbeit mit beeindruckenden Aufnahmen.

Hatte ihn schon Anfang Jahr im normalen Kino gesehen, nun nochmals mit Gisela in der Cinematte, und auch beim zweiten Mal gibts eine klare 6.

Der Berner Kultur-Konsument: Das Schwache Geschlecht

Klarer Fall: Das Problem begann mit meinen Erwartungen. Dass ich vom Berner Kunstmuseum überraschende neue Einblicke in die Frage nach Männlichkeit und Geschlechterdiskussion erwartet habe, das war naiv. Ich weiss nicht, was das Kunstmuseum hätte ausstellen müssen, um meine Erwartungshaltung zu befriedigen.

Trotzdem: Unter dem Titel „Das schwache Geschlecht. Neue Mannsbilder in der Kunst“ müsste eine Ausstellung meines Erachtens entweder auch wirklich neue Bilder (und nicht solche, welche das Männerbild der 70er- und 80er-Jahre aufgreifen) aufnehmen oder aber der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Stärke thematisieren. Aber dann gibts eben doch wieder nur brachiale Gewalt und ein paar Ständer, und noch ein paar Bilder die mit dem Übergang der Geschlechter spielen (das waren noch die besten). Bilder mit weinenden Männern, das gibt es aber nur mit Schauspielern – dabei gibt es gerade im Umfeld der letzten Krisenjahre genügend Beispiele von Männern, die an ihren Anforderungen scheitern. Beispiel Griechenland: Am diesjährigen Shnit zeigte der Film 45 Degrees die Existenzkrise eines Mannes, der nicht stark genug ist um seine Familie durchzubringen. Unerträglich, aber gut.

Vielleicht hat meine Herzensdame doch recht – dokumentarische Photographie gibts im Kunstmuseum nur wenn sie Holcim bezahlt wird, und daher war es wohl falsch von mir, eine Dokumentation der Realität zu erwarten. Aber trotzdem – die Ausstellung hielt nicht, was ich mir bei diesem Titel erwartet habe, deshalb gibt es einen Dreier.

(Und dann gibt es noch den Vergleich mit der Kunsthalle: Der dortige Besuch im November hat mir nicht weniger gefallen, war aber um ein vielfaches günstiger. Dazu kommt der mir deutlich sympathischere (wenn auch politisch naivere) Kurator, so dass ich eine Umverteilung sämtlicher Kunstmuseumssubventionen zugunsten der Kunsthalle fordere).

Der Berner Kulturkonsument: Das BM-Lotto

Zählt ein Lotto zur Berner Kultur? Wenn es das Bewegungsmelder-Lotto ist glaub schon. Schliesslich ist der Bewegungsmelder eine wichtige Institution für das Berner Kulturleben, Berner Kulturschaffende stellen einen Teil der Moderatoren und zur Halbzeit gibt es jeweils auch noch ein Konzert, das aber meistens zu laut und unpassend ist, lieber würde man mit den Tischnachbarn schnuren, und so geht man halt nach draussen zu den Rauchern…

Aber item – beim BM-Lotto gehts um zwei Dinge: Die besten Preise (dieses Jahr neben der Mrs Berner Nightlife auch noch ein Instant-Party-Set und vor allem ein Festival-Set mit 3*2 Festivalpässen für 2014) und die besten Moderatorinnen (Su Canonica Moderation lässt sich durchaus mit dem legendären Einsatz von Knäckeboule am BM-Lotto 2012 vergleichen). Ob Dachstock, Turnhalle oder Bierhübeli, schlicht ein grandioser Abend, auch wenn man nichts gewinnt. Note 6. Und auch nächstes Jahr wieder früh im Vorverkauf zuschlagen.