Ein kleiner Artikel im Bund hat mich heute zur Weissglut gebracht – und ich bin mir noch nicht so sicher, wie ich meinen Ärger wieder abbauen kann – als erster Schritt nun mal ein Blogpost.

Darum gehts: Wie heute in Bund und BZ berichtet, zieht die Vineyard ins Kornhaus (4. Stock, die alte Probebühne). Dieser Raum ist seit langem ein Sorgenkind für die Stadt – seit dem Umbau konnte er an bester Lage nie richtig genutzt werden, und seitdem das Stadttheater die Vidmar-Hallen im 07 in die Vidmar-Hallen gehen konnte, steht er leer. Dass die Stadt nun endlich eine Mieterschaft gefunden hat, freut; dass es ausgerechnet missionierende Christen-Fundis sind, ist zwar ein Schönheits-Fehler, aber ok. Immerhin vermietet.

Aber was sich dann der Bund leistet, regt mich wirklich auf: Daniel Vonlanthen titelt: „Ökumene zieht ins Kornhaus“. Die Ökumene ist unterdessen auf einen einzelne Missionarische Evangelikalen-Freikirche zusammengeschrumpft? Da habe ich doch etwas nicht mitbekommen.

Dann verkündet Vonlanthen den neuen Mieter: „Vineyard Bern, die ökumenisch orientierte Laienbewegung innerhalb der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn“. Ich gebe ja zu, dass ich kein grosser Kenner des Christensumpfs bin, aber 5 Minuten googeln erhärten, was mir mein Gedächtnis sofort sagte: Vineyard ist kein Teil der Landeskirche. Vineyard ist Mitglied des Freikirchen-Verbandes. Vielleicht ist das Verhältnis zwischen den beiden unterdessen nicht mehr so verkachelt, wie es dies war, als man das letzte mal davon gehört hat, aber das wäre zumindest noch nicht gross kommuniziert worden: Auf der Internen Suche von refbejuso-Page gibt es zumindest keinen Hit für Vineyard, und google bringt die beiden nur in zwei Zusammenhänge: Eine Liz-Arbeit von Sabine Jaggi, welche in einem Exkurs auf Vineyard und auch auf das belastete Verhältnis zwischen Vineyard und Landeskirche eingeht (s. 66ff) und den Tätigkeitsbericht von refbejuso, welcher einen ‚Begegnungsnachmittag‘ des theologischen refbejuso-Departements und u.a. Vineyard erwähnt.

Warum regt mich das so auf? Vineyard ist einer dieser Jung-Kirchen, welche in Bern mit drei Dingen auf sich aufmerksam macht: Starke Missionierungsdrang, das Veranstalten von Workshops zur ‚Heilung von sexueller Zerbrochenheit‘ (konkret: «Für einige bedeutet dies eine Entwicklung hin zu heterosexuellem Empfinden. Für andere kann es bedeuten, mit ihrem homosexuellen Empfinden leben zu lernen, dies jedoch nicht auszuleben, weil es gemäss unserem Verständnis biblischer Ethik widerspricht») und den Heilungsgebeten, wonach „Christen die Vollmacht über Krankheit [haben]“, weil die meisten Krankheiten aus Sündhaftigkeit entstehen würden. Für weitere Details lese man die oben erwähnte Liz oder den Eintrag der evangelischen Informationsstelle (insb. Abschnitt 5).

Und der Bund weiss das. Der Bund hat über mehrere Jahre kritisch über Vineyard berichtet. Obiges Schwulen-Heilungs-Zitat entstammt einem Vineyard-Leserbrief, welcher im Bund abgedruckt wurde – als Beschwerde, weil der Bund das Thema zu sehr aufgebauscht habe.

Wenn der Bund einfach die SDA-Meldung abdruckt, ok. Aber wenn man schon Recherche betreibt, dann schaut man doch wenigstens auch mal im eigenen Archiv nach und besucht nicht einfach die Homepage und brabbelt diesem Fundi-Pack einfach nach dem Maul – von wegen ‚praktisch gelebten Glauben und soziale Gerechtigkeit‘ und ‚Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme blablabla‘. So was verdirbt mir einfach gerade den Tag.

Hab gar nicht realisiert, dass dieses Wochenende ein gewichtiges Jubiläum stattfand – in den normalen Medien ist es mir jedenfalls nirgends begegnet: Letzten Samstag vor dreissig Jahren gab es den schweren Reaktor-Unfall von Three Mile Island. TMI ist ein Wendepunkt in der AKW-Geschichte; in keinem westlichen Land ausser Frankreich und Japan wurden danach neue AKW-Projekte angegangen. Zumindest bis vor einigen Jahren der Hype um die ach so saubere Technologie wieder losgegangen ist. Ich würde jetzt gerne eine Verschwörungstheorie aufstellen, weshalb so wenig zu diesem Jubiläum zu lesen war, lasse es jetzt aber mal sein, vielleicht habe ich dieses Wochenende einfach die falschen Medien reingezogen.

An TMI erinnert hat mich ein Artikel von Bob Cringely. Seine neues Blog ist weniger gut als das alte, von IT versteht er halt einfach mehr als von der Bankenkrise. Aber genau für solche Artikel habe ich ihn immer noch gerne – auch wenn ich mit seinem Subtext (alles wäre besser wenn die Ingenieure das sagen hätten und nicht Betriebswirtschafter oder gar Politiker) nicht wirklich übereinstimme.

Und weil ich jetzt einfach halt mal ein elender Missionar bin, noch mein Connex zur Schweiz: Die weltweit erste Kernschmelze gab es in der Schweiz, im Versuchsreaktor von Lucens. Dank dieser Erfahrung wurde Atomkatastrophenberatung zu einem Schweizer Exportschlager – wo auch immer ein Reaktor zusammenbrach, wurden umgehend die Schweizer eingeflogen, auch in Harrisburg, auch in Tschernobyl.

Und noch eine weitere Bemerkung: Three Mile Island ist auch ein Wendepunkt in der IT – die Aufarbeitung des Unfalls führte zu einem grossen Schub in der Benutzer-Forschung. Die Kontrollstelle eines AKW ist auch in den neuesten Büchern zu Human-Computer-Interface zu finden.

Item. Wer zu Harrisburg nicht sowieso schon alles weiss, für den ist der Artikel von Cringely Pflichtlektüre.