So, bevor es ernst wird mit der Schmied-Nachfolge (ich tippe auf Maurer, aber ich hätte vor einem Jahr auch Schulden aufgenommen für eine Wette gegen Blochers Abwahl), will ich noch kurz etwas zu den letzten beiden Urnengängen sagen.

  • Ich ging mit relativ nüchternen Gefühlen in die US-Präsidentschaftswahl. Zu sicher war ich über Obamas Sieg (Am Dienstagabend liess sich die Schweizer Bevölkerung sehr leicht in zwei Gruppen einteilen: Jene die 10vor10 schauen und jene, die schon mal was von Wahlmännern gehört haben). Am Mittwoch morgen war ich trotzdem völlig erschüttert und schon fast optimistisch. Ich glaube nicht, dass Obama nun den Weltfrieden bringt – aber ich bin überzeugt, dass er einer der ganz grossen Präsidenten werden wird. Und dass er das Ansehen des Präsidentschafts-Amt in neue Höhen heben kann (für das Ansehen der USA braucht es dann ein bisschen mehr, aber immerhin ein Prä-Bush-Level scheint mir durchaus möglich).
  • Wer es noch nie gesehen hat: Ich glaube, dass es schlicht für alle sinnvoll ist, zumindest die zwei wichtigsten Obama-Reden mal anzusehen (Youtube-Links): Obama zum Rassismus und Obama am DNC 2004. Diese Reden werden früher oder später mal zum Pflichtstoff zumindest im Gymer-Geschichts-Lehrplan gehören.
  • Und damit es auch mal noch gesagt ist: Wil Shipley – innerhalb der Mac-Programmier-Szene einer der ganz grossen (wenn auch nicht unumstrittenen) – hat in meinem Halbgötter-Ranking deutlich zugelegt (die Seite zeigt nur den Tag an, nicht das Jahr: Shipley stellte sich im Januar 07 hinter Obama, einen Monat bevor dieser seine Kandidatur ankündigte).

Auf der zwar deutlich weniger relevanten Seite, die mich aber halt schon noch etwas mehr beschäftigt: Minus! Vier! Sitze!

Übel

Schmerzhaft

Und dann noch die Hanf-Initiative und Verjährungs-Initiative und überhaupt.

Aber: Auch wenn 4 verlorene Sitze überaus schmerzen, so bin ich nicht niedergeschlagen. Überhaupt nicht. Diese Wahlen haben das Potential, die städtische Politik zu stärken – die Chancen stehen etwa 50-50 für eine sehr produktive und einer völlig unbrauchbare Legislatur. Erst mal aber die Fakten:

  • Die Gemeinderats-Wahlen brachten das beste RGM-Ergebnis aller Zeiten. Die Bürgerlichen gingen völlig unter. FDP und SVP wurden für das Hügli-Manöver bestraft. Regula Rytz und Alex Tschäppät wurden sehr stark gewählt, aber weder wurde Edith Olibet übermässig für den PR-GAU in der Sozialmissbrauchs-Debatte bestraft, noch ist der GFL-Kandidat unten rausgefallen. Ich kann mir kein besseres GR-Resultat vorstellen.
  • Die Stapi-Wahl war ebenso erfreulich. Wer den Stimmenanteil mit 2004 vergleicht, vergisst, dass auf der Gegenseite damals Wafa gestanden hat welcher null Wechselwähler holte. Klar, das gute Abschneiden von Alex ist auch auf den katastrophalen Wahlkampf von Hayoz zurückzuführen, aber trotzdem. Starke Leistung.
  • Und Nein: Die positive Euro hatte nichts damit zu tun. Eine negative Euro wäre schwierig geworden, aber Zusatz-Stimmen holt man nicht über solche Events. Der durchschnittliche Schweizer Wähler begreift nun halt mehr von der Politik als der durchschnittliche Politologe, auch wenn er dies nicht weiss.
  • Leyla Gül wurde mit einem sehr guten Resultat neu in den Stadtrat gewählt. Way to go.
  • Die Rechten haben einen Sitz verloren.
  • Geht man von einem krass vereinfachenden und schwammigen Links-Rechts / Progressiv-Konservativ Schema aus, so sind folgende Mehrheiten möglich: Links-Konservativ, Links-Progressiv und Rechts-Progressiv. Rechts-Konservativ hat nie eine Mehrheit. Das war auch schon anders.
  • Die Rechten haben mehr Panaschierstimmen an die Mitte verloren als wir.
  • RGM hat bezüglich Panaschierstimmen sowieso den Blocktreueren Wähler als alle anderen.
  • Die Listen ohne Listenbezeichnung gingen überdurchschnittlich an RGM, fast so stark wie an die Blockfreie Mitte. Für Unabhängige bleiben die Bürgerlichen unwählbar.
  • Wenn MCW und Konsorten Panaschierstimmen interpretieren, so sehen sie: Die GFL-Wählerschaft ist deutlich näher an SP/GrüBü als an den Blockfreien.
  • RGM hat zwar (nachdem wir endlich GPB und PdA rausgeschmissen haben) keine Mehrheit mehr (39 Sitze), ist aber nah dran. Bei normalen Geschäften muss es möglich sein, 1-2 aus Linksaussen oder der Blockfreien Mitte auf unsere Seite zu ziehen.
  • Wenn die GFL bockig tut, hat Links-Grübü-Rot-Mitte immer die Mehrheit. Die völlig absurden Sololäufe der GFL haben keine Wirkung mehr, wenn die anderen in der Mitte bei einem Geschäft dabei sind.
  • Wenn MCW und Konsorten Panaschierstimmen interpretieren können sehen sie: Ihre Wählerschaft ist deutlich näher an SP/GrüBü als an den Blockfreien.
  • SP/GB können kaum noch Geschäfte im Alleingang durchbringen (30 Sitze). Auch mit guter Sitzungsdisziplin sind ideologische Amokläufe kaum noch möglich.
  • Die Gemeinderats-Parteien sind im Stadtrat weiterhin in der Mehrheit. Die Kombination SP/GB/FDP – absurder, als es sich anhört – kommt auf 40 Sitze.
  • Was wir an die Mitte verloren haben, entspricht in etwa dem, was wir von der Mitte vom LdU abgesogen haben. Langfristig bleibt der Schwank von Bürgerlich zu RGM.
  • Die Rechte Seite ist mit mittlerweile 7 Parteien aufgeteilt denn je – 7 Parteien die sich zwischendurch von einander abgrenzen werden und wo man entsprechend einzelne kehren kann.

Dies was die Zahlen angeht. Wer Zahlenwüsten liebt, darf natürlich gerne meine Excel-Sheets runterladen, inkl. Panaschier-Analyse Listen & Kandidaten, Block-Analysen und Historischer Entwicklung. Von Bedeutung sind insbesondere die Sheets ListenBloeckeStimmen und Entwicklung: Stadtrats-Analyse resp. im alten Excel-Format (allerdings mit etwas weniger Informationsgehalt): Stadtrats-Analyse Excel 97 (und nein: die CVP ist nicht Mitte. Weder auf städtischer noch auf schweizerischer oder sonst einer Ebene. Wenn sie ausnahmsweise mal den Bürgerblock verlässt, so tut sie dies entweder aus purem Populismus oder durch der Nause-Spasspartei-Masche und in genau einem Fall pro Legislatur stimmt Herr Beuchat aus Überzeugung mit uns, und dann ist dafür die Linke Seite nicht einig)

Wahlenanteile Berner Stadtrat

Was mir aber wirklich am Herzen liegt, sind nicht die Zahlen, sondern die Inhalte. Ich predige bekanntlich seit 2000, dass es Zeit wird, dass RGM die Mehrheit verliert. Die Mehrheit tut uns nicht gut – wir verlieren die Kritikfähigkeit, werden von Pressure-Groups vereinnahmt, es schleicht sich eine Überheblichkeit ein und vor allem: Wie verlieren das Auge für den Ausgleich. Wenn Nathalie Imboden am Wahlabend im Telebärn ziemlich wortwörtlich sagt, dass der Linke Block keine Blockpolitik betreibe und gerne mit den anderen zusammenarbeite, solange wir uns dafür nicht bewegen müssen, so ist dies ernst gemeint; und das macht es noch schlimmer.

Das einzige Mal, dass RGM in einem gewichtigen Geschäft eigene Hauptforderungen zurückgezogen hat, war die 2. Lesung der Gemeindeordnung. Und auch die ist immer noch ziemlich links. (Und ja: Noch länger als meine RGM-Tut-Die-Mehrheit-Nicht-Gut-Parole vertrete ich die Die-Stadtbernischen-Bürgerlichen-Sind-Weder-Regierungsfähig-Noch-Regierungswürdig-Parole)

Die GFL – bei allem was sie Unzuverlässig macht, bei allem wo sie nicht den Gewerkschaften folgt, bei allem wo sie sich einfach produziert – teilt unsere Grundwerte. Die Linken Grundwerte waren seit 1996 in der Mehrheit, in den zwei letzten Legislaturen sogar komfortabel. Dies führte dazu, dass die Linke schlicht in allen Grundsatz-Entscheiden gewann, ohne auf die Grundwerte der anderen Rücksicht nehmen zu müssen, und ohne Rücksicht zu nehmen.

Dies ist schlicht nicht mehr möglich. Grundsatz-Entscheide müssen per sofort auch nicht-Linke Grundwerte befriedigen. Und dafür müssen wir nicht einmal den Bürgerlichen Parkplätze und Steuersenkungen geben! Es genügt, wenn wir der Mitte mehr entgegenkommen als die Bürgerlichen dies tun (und die bewegen sich bekanntlich nicht einen Millimeter, solange Sie keine Autobahn auf oder unter dem Bahnhofplatz und eine Steuersenkung auf Goldküsten-Niveau erhalten). Es genügt, wenn wir mit der Mitte sprechen, diskutieren, Lösungen zulassen, die für uns ideologisch nicht ganz koscher sind, und auch mal auf etwas verzichten können.

Die Mitte ist kein monolithischer Block wie wir oder die Bürgerlichen dies sind. Die Mitte ist auch nicht programmatisch gefestigt und fixiert, die Mitte will bekanntlich gar kein Programm haben – gerade die Hügli-Liste, aber auch GLP und in gewissem Sinne auch die GFL basieren ja darauf, dass eine programmatische Fixierung immer auch etwas Ideologisches an sich hat.

Wenn zu den 39 Stimmen von RGM keine 2 Stimmen von Linksaussen geholt werden können, sollte es in aller Regel möglich sein, 2 Stimmen aus der Mitte zu holen, es muss ja nicht immer gleich eine ganze Fraktion sein. Mitte-Parteien sind stolz darauf, wenn sie keine Fraktionsdisziplin haben, denn für Fraktionsdisziplin braucht es die Überzeugung, dass die Parteimeinung die einzig richtige ist. Und zu guter letzt: Noch selten gab es derart viele Ratsmitglieder, die nicht in eine erfahrene Fraktion reinrutschen oder wenigstens eine starke politische Bildung aus ihrer Partei mitbringen. GLP, Mitte-Forum, BDP und Hofer/Schneider haben noch nicht jedes Thema einmal durchdiskutiert und dürften offen sein für überzeugende Argumentarien.

Dies ist für mich das schöne Szenario: SP und GB, welche alleine nicht mehr stark genug sind, müssen Kompromisse eingehen, echte Verhandlungsbereitsschaft zeigen und zwischendurch auch mal andere Grundwerte akzeptieren. Im Gegenzug bringen wir unsere Geschäfte durch und scheitern weder am, weil wir wieder mal ein bisschen pressiert haben, noch an der Urne, weil wir auch unter der Autobahnbrücke einen Wohnanteil von 30% durchziehen wollten.

Das schlechte Szenario: Alle Parteien wollen sich nur noch gegenseitig abgrenzen. Zeigen, weshalb man in 4 Jahren nicht diese elende Blockpartei von GFL sondern die wirkliche Mitte GLP wählen soll. Demonstrieren, dass die GFL in Wahrheit nicht Links ist und man in 4 Jahren gefälligst wieder uns Sozis oder zumindest das GrüBü wählen muss. Zeigen, dass man als Forum die einzig wahre Mitte ist, indem man mit dem Milchbüchlein in der Hand schön abwechslungsweise einmal mit der Linken, einmal mit der Rechten geht. Lieber in ideologische Schönheit untergehen als einen unschönen Kompromiss schliessen (und sich dann auch daran halten). Und ja nie die Grundwerte in den Hintergrund drängen lassen, denn die zeichnen uns ja gegenüber diesem Gesocks von Wischiwaschi-Mitte-Parteien aus.

Im ersten Szenario sehe ich eine Deblockierung der städtischen Politik, und schlussendlich eine stärkere weil weniger von der Mehrheit korrumpierten Linke. Im zweiten Szenario sehe ich eine Erstarrung, hässliche Grabenkämpfe und in vier Jahren eine noch schlimmere Wahlschlappe für die staatstragende Partei (die zufälligerweise auch gleich noch eine der ideologischsten ist).

Beide Szenarien sind möglich, was rauskommt wird man frühestens in einem Jahr abschätzen können. Am Wahlabend habe ich recht viel in Richtung Abgrenzung gehört. Aber ich hoffe jetzt einmal auf die Vernunft und auf die schweizerische Lust am Konsens, sowohl von uns Linken wie von der Mitte (und wer weiss, vielleicht lernen es die Bürgerlichen auch noch einmal).

US-Wahlen I:
yesyesyesyesyesyessssss

US-Wahlen II:
Was ich mich wieder mal über das Schweizer Fernsehen aufrege. Wenn Sie ihre Berichte sowieso zum voraus abfassen, weshalb haben sie sie denn nicht schon gestern gesendet? Die Exit-Polls zeigen relativ klar: Wie schon bei den letzten Präsidentenwahlen war nicht der Irak-Krieg das zentrale Thema:

(CNN) — By a wide margin, Americans who voted Tuesday in the midterm election say they disapprove of the war in Iraq.

But when asked which issue was extremely important to their vote, more voters said corruption and ethics in government than any other issue, including the war, according to national exit polls.

A large majority of voters also disapproved of how Congress and President Bush are doing their jobs. However, Bush fared slightly better on that score than members of the GOP-led Congress.

Ganzer Artikel: Corruption named as key issue by voters in exit polls
OK – da ist wohl der Rubrik-Titel nicht so glücklich, mein Gefühl sagt mir, ethics seien ausschlaggebender gewesen als corruption. CNN hat im Moment noch kein aggregierte Exit Polls aufgeschalten, aber gerade in jenen Staaten wo es nun einen Wechsel von Rot zu Blau gegeben hat, sieht man relativ schön, wie Irak nicht das einzige Thema ist, wies es von SF DRS und allen anderen Schweizer wir-haben-agentur-meldungen-abonniert-Medien seit Wochen angekündigt wurde. Und da kann man nun natürlich nicht einfach etwas anderes verzapfen, nur weil die Amis nicht wussten, was sie bei den Exit Polls wirklich hätten antworten müssen.
Ganz zu schweigen davon, was die Exit Polls nicht direkt verraten: Die Mobilisierung – in diesem Fall insbesondere die Mobilisierung der Born-Agains. Diese ist im Vergleich zu der Bush-Wiederwahl deutlich tiefer (allerdings immer noch viel zu hoch), und die Stimmen gingen auch nicht mehr zu 80% an die Republikanische Seite, sondern nur noch zu ca. zwei Dritteln.
Aber eben – SF DRS wusste es ja schon zum voraus und weiss es nun auch im nachhinein: Irak hat die Wahlen entschieden.

US-Wahlen III:
Sehr schön auch der CNN-Artikel zu den internationalen Reaktionen

US-Wahlen IV:
Wer es wissen wollte, der wusste es zum voraus: Die Resultate dieser Wahlen werden die Resultate der beiden Bush-Wahlen absolut makellos aussehen lassen. Je nach Definitionsrahmen wurden bis zu 70% der Stimmen elektronisch abgegeben. Sämtliche elektronische Wahlmaschinen auf dem US-Markt sind mit unzähligen Problemen behaftet, ganz besonders aber der Marktführer Diebold; das schönste am ganzen ist allerdings, dass insbesondere die Diebold-Maschinen Black-Boxes sind – Manipulationen und Fehlfunktionen können weder im Moment noch im Nachhinein bemerkt, nachvollzogen oder sogar korrigiert werden. Wunderbare und haarsträubende Artikel dazu: ACM beschreibt die prinzipiellen Probleme auf allen Ebenen, Jon Hannibal Strokes zeigt verschiedene Möglichkeiten, wie die verschiedenen Boxen attackiert werden können, sowohl von Insiders wie auch von aussen, Ars.Technica fasst Anfangs November zusammen, wo die grössten Probleme zu erwarten sind.
Und natürlich: Die Kisten haben nicht reibungslos funktioniert. Ganz und gar nicht. In über einem Viertel der Staaten gab es Probleme. In 8 Staaten waren die Probleme derart, dass die vorgesehenen und angekündigten Öffnungszeiten der Wahlbüros nicht eingehalten werden konnten. In zwei Staaten wurde nicht einmal bekannt, welche Probleme genau auftraten. Und in keinem einzigen der betroffenen Staaten können die Betrieber klar und nachvollziehbar nachweisen, dass die Probleme sauber behoben wurden.
Und wie gesagt: Wenn die Software einer Maschine (jedes Computers, nicht nur Wahlmaschinen) manipuliert werden kann, kann nicht nachgewiesen werden, dass keine Malware mehr drauf ist, und wo Malware entdeckt wurde, kann nicht nachgewiesen werden, dass diese auch wirklich entfernt werden konnte.

US-Wahlen V:
Gerade läuft die Pressekonferenz von Pelosi. Auch wenn ich das Wahlergebnis ausserordentlich begrüsse, auch die Demokraten sind schrecklich. ‚Did you see this wonderful children? Weren’t they soo nice?‘ uaaaahhh.

US-Wahlen VI:
Dem Governator gehört das Zitat des Tages: „I love Sequels“. Auch hier finde ich SF DRS sehr schön: Noch vor drei Jahren war die Wahl Schwarzeneggers für Leutschenbach der ultimative Beweis für den Ruin amerikanischer Demokratie, Schwarzenegger wurde zum vornherein als katastrophaler Gouverneur im Stile Reagan abgestempelt, seine Referendums-Niederlage gross gefeiert. Und nun ist er plötzlich der Strahlemann, der einzige brauchbare Republikaner umgeben nur von Loosern.
Finde ich schön, wenn Leutschenbach auf meine Linie einschwenkt…

Ist zwar eine alte Geschichte – doch vielleicht tut es einigen Leuten gut, wenn man wieder einmal daran erinnert, wie es überhaupt zu dieser WM gekommen ist.
Weil mir die Affäre rund um den neuseeländischen FIFA-Delegierten Dempsey in einem anderen Zusammenhang durch den Kopf gegangen ist, habe ich Herrn Google gefragt, was er mir zu diesem Stichwort so alles zu berichten weiss und mich in den letzten paar Stunden wieder einmal köstlich amüsiert.
– Martin Sonneborns Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. Die ersten paar Seiten sind einfach die Geschichte rund um den Fax, aber dann wird es so richtig lustig. Spätestens vom Telefon-Transkript mit dem britischen Enthüllungsjourni konnte ich nicht mehr.
– Ein paar Mitschnitte der von ‚Bild‘ eingeforderten Protestanrufe auf die Titanic-Redaktion.
– Und zu guter letzt das wirklich grandiose Editorial von Sonneborn zur ganze Affäre.

Und weil es eine gute Gelegenheit ist, verlinke ich gerne auch mal auf Titanic, dem besten Magazin im deutschsprachigen Raum.

Ich schiebe im Moment echt gerade eine Krise, und der Auslöser dazu ist Seymour Hersh (einer der grossen US-Journalisten, der schon zu Vietnam-Zeiten US-Massaker aufgedeckt hat und auch derjenige war, der den Skandal um Abu Ghrabid in die Öffentlichkeit gebracht hat). Hersh berichtet im aktuellen New Yorker über die Kriegsbereitschaft der US-Regierung gegen Iran. Wie es sich für einen guten Enthüllungs-Journi gehört, zitiert er wohl etwa 50 Quellen, verschiedene Sichtwinkel, und zeigt auch auf, wie Iran, Israel, IAEA, Europa und Blair dazu stehen und auf eine Eskalation reagieren würden. Und vor allem zeigt er auf, welche Bedeutung Atom-Schläge in der US-Überlegungen haben. Einge der Zitate sind absolut haarsträubend:

“Every other option, in the view of the nuclear weaponeers, would leave a gap,

Die netten Jungs von Google, die ja immer wieder stolz von ihrem „Don’t do Evil“-Credo erzählen haben mit ihrem Entscheid, in China ein zensuriertes google.cn anzubieten, Ende Januar für einiges Aufsehen gesorgt und die Community entzweit.
Als MSN, Yahoo und AOL bereits im letzten Jahr dasselbe gemacht hatten (Microsoft gehört ausnahmsweise einmal die Ehre des Firts Posts!), waren alle leicht entsetzt, aber henu, so ist halt das rüde Business-Leben. Aber dass die netten Jungs um Sergey Brin und Larry Page bei so einem hässlichen Spiel mitmachen, dass war dann doch des schlechten zuviel, und so beschloss der letzte Hort der US-Kongress als letzter Hort von Demokratie und Meinungsäusserungsfreiheit, ein Hearing zum Thema Informations-Einschränkungen in China durch US-Firmen durchzuführen, und dabei auch die grossen Suchmaschinen einzuladen. Als möglicher Schritt wurde unter anderem ein Gesetz angedroht, welches US-Firmen eine Selbstzensur schlicht verbietet.

Nun, das Hearing ist voll im Gang, und gestern haben die Google-Jungs ihre Aussage ins GoogleBlog gestellt. Es gibt nicht viel neues darin, aber das ist das erste Mal, wo ich eine vollständige Übersicht zum Entscheid in einem nicht aufgeregten Ton sehe. Das alleine macht die Lektüre schon wert.

Klar wird dabei, dass Google als einziger der vier Grossen von sich behaupten darf, nicht einfach nachgegeben zu haben. Nicht nur, weil man nicht sofort gespurt hat, sondern weil Google.cn an Auflagen gebunden ist, die sonst keiner der anderen Anbieter so hat. Das unzensurierte, chinesisch-sprachige Google.com ist weiterhin verfügbar, auch wenn es wie bisher unter der Zensur-Durch-Immer-Wieder-Nicht-Erreichbarkeit durch die chinesischen Internet Provider leidet. Google.cn macht auf die Zensur innerhalb der zensurierten Suchergebnisse aufmerksam. Google stationiert keine Server mit heiklen Daten auf chinesischem Boden (Gmail, Gtalk, Blogger.com). Alles in allem: Keine Einschränkung des bisherigen unzensuriertem Angebot durch Google, aber ein zusätzliches, transparent zensuriertes Angebot mit einer höheren Zuverlässligkeit.
Sauber ist natürlich auch diese Zensur nicht, aber ich bin mir echt nicht sicher, wieweit man Google nach diesem Schritt als Evil verdammen kann. Ich hasse solche Scheiss-Konflikte.

Was sonst noch auf der Welt geschah: Für OS X gibt es nach 5 Jahren nun endlich den ersten Trojaner. Das ist übel, war aber früher oder später zu erwarten. Interessant wird es nun sein zu verfolgen, wie sich Malware unter OS X ausbreitet – von einer explosionsartigen Bewegung wie bei Windows-Viren kann sicher noch nicht gesprochen werden. Der Virus sieht dabei so aus, wie man sich den ersten OS X-Virus gemeinhin vorgestellt hat: Ein nur schlecht als Bild getarnter Code, welcher sich als Input-Manager zu installieren versucht. Direkten Schaden bereitet er noch nicht, ist aber trotzdem bösartig. Und: Er kann leicht behindert werden, mit jenen Tricks, die man den Paranoiden noch immer mit auf den Weg gegeben hat. Diese Tricks sollten ab sofort alle Anwenden:

Nicht mit einem Admin-Account arbeiten. Die OS X-Installation verleitet einem zwar dazu, aber ein weiterer, nicht-admin-Account ist ab sofort ein Must. Wie macht man dies? Einfach: Unter Systemeinstellungen->Benutzer einen neuen Benutzer anlegen, die Option „Dieser Benutzer darf den Computer verwalten“ aktivieren. Mit dem normalen User ausloggen, mit dem neuen Admin einloggen. Wieder in die Systemeinstellungen->Benutzer gehen, und nun dem alten User die Verwaltungsrechte entziehen. Wieder ausloggen, als normaler User einloggen und weiterarbeiten.
Wenn nun irgendwas, sei es ein neues Programm oder eben Malware, Adminrechte will, wird man für eine Identifizierung als Admin-User gefragt, aber nach Eingabe von Username- und Passwort geht alles weiter wie bisher. Wenn diese Abfrage beim öffnen eines Bildes oder so kommt, darf man ruhig stutzig werden.

Input-Manager schützen: Input-Manager gehören zu den ganz geilen Sachen unter OS X, aber eben auch den heiklen. Unabhängig von der Malware-Gefahr, empfiehlt es sich, die Verzeichnisse vor Beschreiben im Hintergrund zu schützen. Auch dies ganz einfach: In den Libraries (sowohl auf der Bootplatte wie im Userverzeichnis) auf Input-Manager Control-Klicken->Informationen->Eigentümer & Zugriffsrechte und dann dort alle Rechte aller User (also auch des Eigentümers) auf „nur lesen“ setzen.
Auch dies ohne negative Implikationen irgendwelcher Art, aber bevor sich ein Input-Manager installiert, wird nun nach der Authentifizierung gefragt.

Und noch eine gute Nachricht für den Tag: Der neue Nike-Spot ist draussen. Danke ans Runde Leder für den Hinweis

Ich bin gerade ein bisschen erstaunt, wie die werte Frau Merkel in der gesamten europäischen Presse, von der Schweiz über Frankreich über Deutschland bis nach England als der grosse Star des EU-Budgets-Gipfels gehandelt wird. Klar, sie hat einen Kompromiss initiert, was mit als schweizerischer Kompromis-Freund erst einmal eigentlich gefällt.
Aber was genau beinhaltet dieser Kompromiss? Dass man das Budget hochfährt, und über allfällige Einsparungen erst später diskutieren will, erneut mit Frankreichs Vetomöglichkeit. Das erinnert mich irgendwie daran, wie die deutsche grosse Koalition zustande gekommen ist: Wenn ihr ums verrecken Eure bekloppte Reichensteuer haben wollt, mira, wir wollen aber unbedingt auch noch die Binnennachfrage abdämpfen, also einigen wir uns auf Reichensteuer samt Mehrwertsteuer-Erhöhung.

Die Kompromissfähigkeit von Merkel scheint sich darauf zu beziehen, dass sie Spar-Kompromissen aus dem Wege geht, die Ausgaben hochhält und die Steuern erhöht (denn auch höhere EU-Ausgaben müssen ja irgendwann doch einmal abgetragen werden, und da wird wieder mal Deutschland am meisten hinlegen, machen sie sich da mal nichts vor, man muss die Kirche ja im Dorf lassen. Ihr könnt einfach beten, dass bis dahin auch die Schweiz beigetreten ist…). Bürgerliche Finanzpolitik widersprach den Prinzipien bürgerlicher Finanzpolitik noch fast immer, aber dass die Merkel für ihre 50er-Jahre-Politik nun überall gelobt wird, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.